Galerie Stadtatelier Urban Hajek

RENAISSANCE HAJEK

Das Wirken des Künstlers Otto Herbert Hajek, geboren 1927 in Kaltenbach / Böhmen, seit 1947 in Stuttgart lebend und arbeitend, daselbst 2005 verstorben, war nie der Vergessenheit ausgesetzt, der Ruf seines Namens hat sich nie gemindert. Er steht wie kein anderer für das Leben im öffentlichen Raum mit Kunst, durch Kunst, für Kunst. Das mag schon daher rühren, dass seinen großen bunten „Zeichen“, den Begriff, den er für seine skulpturalen Arbeiten geschaffen hatte, an zahlreichen neuralgischen Punkten des tätigen Lebens zu begegnen ist. Es sind, was heute mit neuer Aufmerksamkeit betrachtet wird, analoge Merkmale der Orientierung: weit sichtbare „Stadtzeichen“ in internationalen Metropolen von Montevideo bis Ankara, „Wegzeichen für bestimmte Richtungen, „Zeichen am Wege“ zur inneren Einkehr. Fast noch wirksamer als die einzelnen Skulpturen waren seine großflächigen Zeichnungen von Schul- und Kulturzentren, selbstverständlich stets mit den eigens angelegten hinführenden Wegzeichen. Hajeks Auseinandersetzung mit der Architektur seiner Zeit ist die wohl reizkräftige Malerei monumentalen Stils zu verdanken, die sich nur partikelweise auf Vorbilder (Fernand Léger) beruft und ohne ihresgleichen geblieben ist. Hajek war jedoch noch zu einer Steigerung fähig, zum Urbanismus, wenn es galt, Stadtgebilde, Stadtzentren künstlerisch zu charakterisieren: er schuf die „Stadtikonographien“, auch dies ein Begriff seiner identitätsstiftenden Imagination. Es häufen sich die Namen der Städte, die Hajek heranziehen, um mit Kunst im Raum Begegnungen zu ermöglichen. Die Universität des Saarlands mit Studentenhaus und Mensa, der Viktoriaplatz in Mühlheim a.d. Ruhr, der kleine Schlossplatz in Stuttgart und andere. Höhepunkt wurde die Kunstlandschaft als Stadtmitte der australischen Stadt Adelaide, entstanden 1973–77. In dieser weltweit einzigartigen Stadtikonographie vereinigen sich skulpturale Elemente mit Farbflächen als unterschiedliche Großzeichen zu Quartierstrukturen, wobei die Verwendung von bekannten Formen aus dem Schatz der geometrischen Mittel – Rechtecke, Rauten, spitze Winkel – der Lesbarkeit der Ikonographie entgegenkommen. Das Ganze: ein Fest der Kunst, ihre Artikulation in einer Landschaft, die ihr Gepräge suchte und fand.

Wer das gewaltige Werk der Erfindungen von Otto Herbert Hajek revuepassieren lässt, wird gleichzeitig mit den formalen Gestaltungen immer wieder zur gesellschaftlichen Dynamik des Künstlers geleitet. Beide Bereiche haben sich in gegenseitiger Beeinflussung entwickelt. Im Charakter von Hajek war eine weltumarmende Freundschaft natürlich angelegt, die auch den Kampfwillen gegen Unbildung und Vernachlässigung notwendiger Anerkennung in sich barg. Er lebte jederzeit im gesellschaftlichen Kontext, insbesondere erwarb er sich durch sein Eintreten für Kunst und Künstler ein bleibendes Verdienst. Ihn „Sprecher der Künstler“ zu nennen, ist das diesbezügliche Attribut. Es darf genügen, sich Hajek in Erinnerung zu rufen als Vorsitzenden des Deutschen Künstlerbundes, 1972–1979. Hier ging sein Wirken dahin, den Künstlerbund zu einer Institution zu machen, die als staatliche Aufgabe begriffen wird. Dabei gelang es ihm, bedeutende Persönlichkeiten aus Politik und Wissenschaft für Ausstellungseröffnungen heranzuziehen, z. B. Bundeskanzler Helmut Schmidt 1975 in Dortmund. In der gesellschaftlichen und politischen Verflechtung erwarb er sich Freundschaften wie auch die zu Willy Brandt.

Wendet man sich in der Begegnung mit Hajek speziell dem Kunstwerk und seiner Entwicklung zu, liegt die Verleitung nahe, man habe es in erster Sichtung dem Konstruktivismus zuzuschreiben, dem die formalen Elemente klar und deutlich entnommen sind. In deren Anwendung jedoch zeigt sich die ungewöhnliche Freiheit der Kompilation, welche die Hajek-Inspiration walten lässt. Auch im Zusammenwirken von zweiter und dritter Dimension, in der Unterstützung der Skulptur durch Farbe, ist ein ganz eigennütziger Weg des Konstruktiven erkennbar. Die Freiheit, die Hajek sich in der Anwendung geometrischer Formen nahm, enthält Energie, Netzwerke zu beeinflussen, auf alle Fälle zur eigenständigen biografischen Gestaltung mitzutragen. Das lässt den Zeitpunkt einer Otto Herbert Hajek–Renaissance wünschenswert erscheinen. Hajek ließ es sich nicht nehmen, dem grundsätzlichen Dreiklang der Farben den reinen Goldton zuzufügen. Was sich gewiss nicht alle Künstler leisten dürfen, bei ihm ist es eine Gegebenheit.

© Eugen Gomringer. September 2019